Wir bleiben analog

Aktualisiert: Nov 5


"Stay right here 'cause these are the good old days" - singt Carly Simon 1971 in -Anticipation-.


Der Satz geht mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf. Die gute alte Zeit, ja, ich erinnere mich an sie.


Aber werde ich mich in 20 Jahren an diese Zeit ebenso erinnern? Werden mich positive Emotionen überrollen, wenn ich an 2020/2021 denke und werde ich diese Jahre so sehr vermissen wie die gute alte Zeit, an die ich heute denke?


Damit meine ich die krasse analoge Zeit die ich noch miterleben durfte. Die Zeit, in der Wünsche nicht innerhalb 24 Stunden per Expresslieferung erfüllt wurden und in der ich mich nicht gefühlt mit der ganzen Welt vernetzen konnte. Die Zeit, in der die kleinsten Dinge noch so bedeutungsvoll waren. Als ich mich wöchentlich, vielleicht auch nur alle 14 Tage auf ein Update aus der "Welt der Stars und Sternchen" freuen durfte. Neugierig und gespannt: Was wohl diese Woche in der "BRAVO" steht? Was wohl in der Welt so los ist?


Und dann durfte ich diese bedeutungsvollen Informationen erst mal intensiv nachwirken lassen bis zur nächsten Ausgabe. Damals gab es noch Raum zwischen den Informationen, was wirklich gut war, da mein Kopf als eher nach innen gerichteter Mensch ohnehin den ganzen Tag beschäftigt war und ist.


Und dann war da noch dieses Gefühl der Nichterreichbarkeit. Das Gefühl, nicht ständig verfügbar sein zu müssen und sich auch nicht dafür entschuldigen zu wollen, weil es normal war, menschlich.


Obwohl die analoge Zeit auf den ersten Blick mit mehr Aufwand verbunden war, erinnere ich mich an eine Leichtigkeit und Verbundenheit, die mir mit den unbegrenzten digitalen Möglichkeiten Stück für Stück verlorengeht. Und ich frage mich, ob es wirklich diese Dinge sind, die ein gutes Leben ausmachen.


Müssen Wünsche innerhalb 24 Stunden erfüllt werden? Müssen wir im Sekundentakt neue Informationen aufnehmen und über alles und jeden Bescheid wissen? Macht es das Leben wirklich besser, wenn wir überall und zu jeder Zeit über das Smartphone mit Hunderten Menschen gleichzeitig "verbunden" sind? Ich glaube, wir alle kennen die Antwort und dennoch fällt es uns so schwer, Abstand zu nehmen von dieser künstlichen Welt - dieser digitalen Welt, einem glamourösen Gefängnis.


Nach einem Tag den ich größtenteils Online verbracht habe, mich digital ausgetauscht, Fragen beantwortet, Pläne geschmiedet, Likes kassiert und ausgeteilt habe, Kommentare gelesen und neue Profile entdeckt habe - an einem Tag, an dem ich das Gefühl haben sollte, in Kontakt mit noch mehr Menschen zu stehen, fühle ich mich oft ausgelaugt und einsam. Alles in mir schreit nach echter Verbindung. Alles in mir schreit danach, alle WLAN Verbindungen zu kappen, die Vorhänge zu schließen und mich auf das echte Leben hinter den Kulissen zu besinnen.


Hinter den Kulissen, wo es mehr als nur eine "Feel-Good-Gesellschaft" gibt und man nicht zu Fröhlichkeit und Perfektion gezwungen wird. Wo es nicht darauf ankommt, wie gut man sich inszeniert, sondern wer man wirklich ist. Wo du dich nicht erst als Entrepreneur bezeichnen musst, um Anerkennung zu bekommen und dich auch nicht schlecht fühlst, wenn du keiner bist. Hinter den Kulissen dieser digitalen Bühne, wo es reicht, Mensch zu sein. Nicht Founder, nicht Influencer, nicht Entrepreneur, Selfmade-Millionär oder Coach. Einfach Menschsein.


Aus einem Interview mit Diana Kinnert habe folgenden Satz von ihr aufgeschnappt:


"Anerkennung durch Inszenierung macht einsam."


Und wir wissen das. Wir fühlen es. Trotzdem scheint ein Ausstieg keine Option zu sein, denn wer nicht präsent ist, muss mit vielen Nachteilen rechnen.


Dieser Fakt macht mich wahnsinnig. Alles in mir schreit. Alles in mir erinnert mich daran, dass die Welt noch digitaler, noch vernetzter werden kann, aber wir bleiben analog. Für immer. Der viel größere Nachteil als eine regelmäßige Distanz von dieser künstlichen Welt (mit möglicherweise sinkenden Follower-Zahlen, verpassten Kooperationsmöglichkeiten und ähnlichen Auswirkungen) ist der Kampf gegen unsere wahre Natur und die ist und bleibt analog.


Die intensivsten Zeiten erlebe ich heute, wenn ich mein Handy zu Hause lasse und mich mit meiner vollen Aufmerksamkeit dem wahren Leben widme. Wenn ich ein Buch lese und wirklich ein Buch lese. Wenn ich mich meiner Freundin treffe und mich wirklich mit meiner Freundin treffe! Wenn ich spazieren gehe und wahrnehme, den Kopf hebe und nicht senke. Wenn ich mein reales Selbst mehr schätze, als mein digitales Selbst.


Zurück zu meiner Frage: Ob ich in 20 Jahren die heutige Zeit auch als die gute alte Zeit betrachten kann, hängt zum Teil auch von mir selbst ab. Es hängt von uns ab, ob wir unsere begrenzte Zeit hauptsächlich auf den Bühnen einer künstlichen Welt oder in einem gesunden Gleichgewicht auch ganz bewusst analog, so wie es in unserer Natur liegt, hinter den Kulissen, im wahren Leben verbringen. Da, wo nicht alles sofort bedeutungslos wird weil alles irgendwie selbstverständlich ist.


Mit einem wohlwollenden Lächeln beende ich diesen Text und verabschiede mich bis zum nächsten Beitrag. Danke für deine Zeit.


Michelle

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